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El Kurdis Kolumne im September: Die wild wuchernden Folgen der Pandemie

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El Kurdis Kolumne im September: Die wild wuchernden Folgen der Pandemie


Allerorten fordern jetzt Menschen, man müsse „die Pandemie aufarbeiten“. Sie meinen damit jedoch keine wertfreie Evaluierung der Maßnahmen, im Sinne von: Was hat funktioniert? Was hat nicht funktioniert? Welche Maßnahmen waren übertrieben und welche zu lasch? Und was lernen wir aus der vergangenen für die nächste Pandemie, die – da sind sich alle seriösen Wissenschaftler*innen sicher – irgendwann kommen wird?

Solche Fragen wären ja tatsächlich klug. In der Realität aber geht es vielen, die jetzt nach „Aufarbeitung“ schreien, eigentlich nur darum zu sagen: „Alles totalitärer linksgrün versiffter CDU-SPD-Grünen-Faschismus! Darf nie wieder passieren! Spahn und Lauterbach in den Knast, Drosten ans Kreuz, Merkel in die eiserne Jungfrau und Scholz über die Planke!“

Dass wir, alles in allem, mit der Politik der beiden beteiligten Bundesregierungen, die sich mal mehr, mal weniger an den Aussagen der führenden Forscher*innen aus Virologie und Epidemiologie orientierten, einigermaßen gut durch den Covid-Sturm gesegelt sind, interessiert die faktenkritische Bevölkerung nicht. Auch nicht, dass wir im Vergleich mit ähnlich strukturierten Ländern fast in allen Phasen sogar eher besser dastanden als diese.

Aber davon abgesehen hat die Pandemie neben den politischen Nachwirkungen auch mediale Spätfolgen. Die scheinen vielleicht nicht so wichtig zu sein, gehen mir aber trotzdem enorm auf den Senkel. Zum Beispiel die Unsitte technisch saubere Interview-Live-Schalten im Fernsehen durch dilettantische Video-Calls zu ersetzen. Während der Pandemie machte man das, damit die Gesprächspartner*innen ihre sicheren vier Wände nicht verlassen mussten, um ein möglicherweise verseuchtes TV-Studio aufzusuchen. Oder um zu verhindern, dass ein vielköpfiges Fernsehteam mitsamt seinem traditionell beachtlichen Virenbestand in die Wohnung einmarschierte. Stattdessen setzte man sich einfach an den Schreibtisch, schaltete den Computer an und laberte in die Webcam.

Dabei ist es nun oft geblieben. Auch ohne Todesgefahr. Weil es billiger ist, schneller geht oder die Sendeanstalten damit Personal einsparen können. Keine Ahnung.

Ich will mich aber noch nicht mal über die oft mäßige Bild- und Tonqualität ereifern. Daran kann man sich genauso gewöhnen wie an die Wiederkehr der Compact-Kassette als Tonträger. Viel katastrophaler sind die ästhetischen Folgen der Unkenntnis der Interviewten

bezüglich der einfachsten Regeln des vor-der-Kamera-Rumsitzens. Und das obwohl es sich dabei oft um gebildete Menschen handelt. Bis hin zu Nobelpreisträger*innen.

Erste Video-Call-Regel: Einen ausreichenden Abstand zur Webcam halten! Merke: Mit fünfzehn Zentimeter Abstand zum Objektiv, nicht abgepudert, von einer Arbeitszimmer-Neonröhre grell beleuchtet sieht einfach jeder und jede kacke aus! Auch George Clooney, Brad Pitt, Lucy Liu oder Jennifer Lawrence. Oder wen immer Sie hübsch finden. Bei diesem Minimalabstand sieht man nur noch reifende Pickel, rotadrige Knollennasen, Nikotin-und Koffein-Gebisse oder kraterartige Hautporen. Selbst wo keine sind. Noch nicht mal im echten Leben möchten man Menschen so nah kommen, außer man ist in sie verknallt und/oder hat ein sexuelles Interesse an ihnen.

Zweite Regel: Den Laptop unbedingt hochstellen! Auf einen Ständer oder meinetwegen einen Stapel Bücher. Das verhindert nämlich, dass die Webcam von unten in die Nasenlöcher zielt. Selbst tippitoppi geputzte und mit Emsersalz-Wasser gespülte Nasen will man so nicht inspizieren. Ist jemand aber bei der Nasenhygiene schludrig, gnade einem Gott! Bei älteren Männern gibt es noch ein anderes Problem: Kürzlich sah ich auf BBC World ein Interview mit einem Nahostexperten. Ich glaube zumindest, dass es einer war, ich konnte mich nämlich nicht auf den Inhalt seiner Aussagen konzentrieren, weil ihm ein ganzes Nasenhaar-Gebüsch beziehungsweise eine Schilflandschaft aus dem Riechkolben wuchs. Ich war so verstört, dass ich, um englischsprachige Nachrichten zu schauen, zwei Wochen lang nur CNN einschaltete. Aus Angst, auf BBC wieder dem Mann mit der wuchernden Nasenflora zu begegnen.

Die einzige Person bei der mich diese Perspektive am Rande interessieren würde, wäre Benjamin von Stuckradt-Barre. Der behauptete nämlich mal in einer Talkshow, er habe aufgrund seines exzessiven Kokain-Genusses keine Nasenscheidewand mehr. Das würde ich doch gerne mal sehen. Vielleicht im direkten Vergleich mit der Nasenscheidewand seines Ex-Kumpels, Springer-Chef Mathias Döpfner. Nur so aus Neugier.

● Hartmut El Kurdi

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Neu in der Stadt: VW Automobile Hannover Autohaus

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Neu in der Stadt: VW Automobile Hannover Autohaus


Im Süden Hannovers, genauer an der Hildesheimer Straße, hat die Volkswagen Automobile Hannover GmbH kürzlich ein neues und zukunftsweisendes Autohaus eröffnet, in das nun auch der alte Standort Bischoff & Hamel integriert wird.

Unter dem Motto „Ihre Mobilität bekommt ein neues Zuhause“ sollen hier neue Maßstäbe in Sachen Kundenservice und technische Innovation gesetzt werden.
Auf einer Gesamtfläche von 13.200Quadratmetern steht den Kund*innen ein umfangreiches Neu- und Gebrauchtwagenangebot sowie ein zukunftsweisendes Dienstleistungsportfolio inklusive eigener Karosserieabteilung und einem Parkhaus zur Verfügung.

Freuen können sich Kund*innen außerdem auf lichtdurchflutete Showrooms, technisch unterstützte Beratungsgespräche und umfangreiche Serviceleistungen für die Marken Volkswagen, Volkswagen Nutzfahrzeuge, Audi und Skoda.

Die Volkswagen Automobile Hannover GmbH legt bei ihrem neuen Standort zudem großen Wert auf Nachhaltigkeit: Es wurden ausschließlich umweltfreundliche Baustoffe für den Bau verwendet, für den Gebäudebetrieb kann vollständig auf fossile Brennstoffe verzichtet werden, da das Gebäude mithilfe von Umweltwärme aus dem Boden geothermisch geheizt und gekühlt werden kann und die Dachfläche und Teile der Fassade zur Gewinnung von Solarstrom genutzt werden.

Sogar Wildbienen bekommen auf dem Gelände ein Zuhause.

Jens Bischof, Geschäftsführer der Volkswagen Automobile Hannover GmbH, bezeichnet dieses neue Standortformat als bisher einzigartig.

Volkswagen Automobile Hannover Autohaus
Hildesheimer Straße 451, 30519 Hannover

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Neu in der Stadt: Chai ’n more

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Neu in der Stadt: Chai ’n more


Mit dem Chai ’n More gibt es am Weißekreuzplatz nicht nur ein neues Café in der Oststadt, Hannover darf sich auch über eine weitere Art der Fusionsküche freuen.
Die Idee entstand durch den kulturellen Hintergrund der Geschäftsführer*innen und durch deren Leidenschaft für gutes Frühstück.
So hat man kurzerhand die indische Küche mit der deutschen kombiniert und beispielsweise die deutsche Stulle mit indischem Butterchicken und Salat belegt, ergänzt mit einer Joghurt-Tomaten-Cremesauce. Eine Variante, die man vermutlich in den wenigsten Restaurants serviert bekommt.

Dazu bietet die Speisekarte neben dem Frühstück auch ein Dinner an mit verschiedensten indische Spezialitäten, von Thali, bis Daal sowie Salate und Suppen.
Als Dessert gibt es Kuchen und experimentelle Eiscremesorten, zur Winterzeit sollen z.B. Waffeln das Angebot ergänzen.

Neben einer Auswahl an verschiedenen alkoholischen und Soft-Getränken, Kaffee und natürlich Chai sind der Homemade Lassi und die Homemade Limo besonders hervorzuheben.

Die Einrichtung des Cafés ist dezent und minimalistisch. Industrial Look mit Eyecatcher – eine Leuchttafel mit dem Logo des Cafés.
Neben den Sitzmöglichkeiten im Café selbst bietet der Außenbereich außerdem einen netten Blick auf das Grün des Weißekreuzplatzes.
Ein Ort, an dem jede*r willkommen ist – und ein Muss für jeden Fan von Fusionsküche oder guten Getränken.

 

Chai ´n more
Lister Meile 23, 30161 Hannover

Mo, Mi – Fr12-21 Uhr, Sa 10-19 Uhr, So 10-16 Uhr.
Tel. 0511 37396258
https://www.instagram.com/chainmore_hannover/

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Neu in der Stadt: blnd hair

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Neu in der Stadt: blnd hair


In der Seilerstraße hat ein neuer Friseursalon aufgemacht. Wobei neu hier nicht ganz richtig ist: blnd hair gibt es schon seit drei Jahren, jetzt allerdings mit Standort in der Südstadt.

Die Philosophie von blnd ist sichtlich einfach: „keep it simple“.
Geschäftsführer Timo Brunner geht es um offene Kommunikation, seriöse Beratung und Ehrlichkeit – und darum, eine ideale Lösung für die individuellen Wünsche und Probleme bei Haarschnitt oder Haarfarbe für seine Kund*innen zu finden.
Ein Haarschnitt und eine Haarfarbe, die passen, und dazu die richtigen Produkte, die halten, was sie versprechen, um auch zu Hause das bestmögliche Styling zu erzielen.
Außerdem überzeugt der neue Salon mit einem spannenden, stilsicheren Interieur.
Der Laden teilt sich in zwei Räume, in einen Warteraum, der sehr hell gehalten ist, ausgestattet mit Akzenten wie pinken Sitzmöbeln.
Und in den Arbeitsraum, der als kompletter Kontrast vollständig schwarz gehalten ist. Ein sehr gelungener, überraschender Bruch.
Die gesamte Ästhetik, die sich in Einrichtung und Gestaltung niederschlägt, bietet etwas, was man vermutlich nicht bei vielen Friseuren so entdeckt.

Um sich einen eigenen Eindruck zu verschaffen von Schnitten, Haarfärbung oder der Einrichtung des Ladens, ist es sicherlich eine gute Idee, mal die Instagramseite des Salons zu besuchen: @blnd.hair.

Eine Terminvereinbarung ist telefonisch, per E-Mail oder auf der Website möglich.

blnd hair
Seilerstraße 8, 30171Hannover.
Di – Fr 10-19 Uhr
Tel. 0176 55006621
E-Mail an hello@blndhair.de
www.blnd-hair.de
https://www.instagram.com/blnd.hair/

Fotos: Timo Brunner

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Die September-Ausgabe ist da!

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Die September-Ausgabe ist da!


Das neue Heft ist da.
Auf zum Kiosk
oder endlich ein Abo abschließen,
für schlanke 22,- € im Jahr
Monat für Monat druckfrisch im Briefkasten
mit 116 Seiten Kultur und mehr aus Eurer Stadt.

Wir liefern Interviews, Stadtgeschichten, Restauranttipps, Artikel über neue Läden in der Stadt, Stammtischgespräche, Interessantes für Stadtkindchen, Hartmut El Kurdis monatliche Kolumne, einen gewaltigen Veranstaltungskalender u.v.m.

In dieser Ausgabe z.B. auch ein spannendes Gespräch mit Alina Zimmermann (WASMITHERZ.e.V.)
und wie jeden Monat das Interview unseres Herausgebers Lars Kompa mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil.

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Ein letztes Wort im August

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Ein letztes Wort im August


mit dem Ministerpräsidenten Stephan Weil

Stephan Weil (r) und Lars Kompa (l)

Herr Weil, wir sprechen Mitte Juli, die Sommerpause steht vor der Tür. Geht’s wieder wandern?

Das gemeinsame Wandern fällt in diesem Jahr leider zum ersten Mal seit ungefähr 40 Jahren aus. Meine Mitwanderer sind junge Väter geworden und haben leider keine Zeit. Aber meine Frau und ich werden fleißig wandern. Wir fahren – wie schon oft – an einen See in Italien und lassen es uns dort gutgehen. Darauf freue ich mich sehr. Das ist immer eine wunderschöne Zeit.

Können Sie so richtig abschalten?

Normalerweise klappt das gut. Aber es gibt eine ganze Reihe von herausfordernden Themen, die auch im Urlaub im Hinterkopf bleiben. Wir erleben ja bewegte Zeiten.

In den Zeiten vor Corona war das Gepäck noch wesentlich leichter, oder? Und seither ist es immer schwerer geworden …

Es ist wirklich erstaunlich, wie sich das verändert hat. Ich erinnere mich, dass uns im Sommer 2018 die Affäre um Herrn Maaßen beschäftigt hat, der damals Verfassungsschutz-Chef war und Staatssekretär werden sollte. Das war damals eine ernsthafte Koalitionskrise, an die sich heute kaum jemand noch erinnert. Ich weiß noch, dass ich deswegen permanent am Handy hing und meine Frau verständlicherweise schwer genervt war. Und 2019 hatten wir einen gehörigen Krach in der SPD und der hat mich auch im Urlaub beschäftigt. Heute reden wir im Vergleich dazu über Probleme von einer ganz anderen Größenordnung. Ja, seit 2020 reisen wir mit schwererem Gepäck.

Wir haben die Kriege, das Klima, wir haben wirtschaftlich zu kämpfen – und zu allem Überfluss droht uns eine zweite Amtszeit von Trump in Amerika. Es gab dort vor kurzem dieses bemerkenswerte Urteil des Supreme Court. Was erleben wir da? Schafft sich dort die Demokratie ab? Was sagen Sie als Jurist zu diesem Urteil?

Das ist ja noch nicht einmal alles – das Attentat auf Donald Trump und die Diskussion über Joe Biden kommen noch dazu. Aber dieses Urteil ist wirklich erschreckend und ich hätte mir noch vor kurzem nicht ausmalen können, dass so etwas möglich ist. Es führt dazu, dass in einer Demokratie ausgerechnet dem obersten Repräsentanten Narrenfreiheit gewährt wird. Das ist wirklich schwer zu ertragen und das Gegenteil einer wehrhaften Demokratie. So liefert sich eine Demokratie ihren Gegnern aus. Um die USA muss man sich ja schon seit einer Weile Sorgen machen. Und diese Sorgen werden aktuell leider immer größer.

Wir sehen diese Entwicklungen in den USA, wir sehen einen Rechtsruck in vielen Ländern, der Rechtspopulismus scheint so etwas wie ein Erfolgsmodell zu sein.

Das ist kein Naturgesetz. Es gibt auch ausgesprochen positive Entwicklungen, so wie zuletzt beispielsweise in Frankreich oder in Großbritannien. In den Niederlanden haben wir jetzt allerdings eine extrem rechte Regierung. Ich hätte mir das in einem so liberalen Land zuvor nicht vorstellen können. Was Deutschland angeht, hat die Europawahl gezeigt, dass der Zuspruch zu extremen Parteien bei uns im Vergleich noch eher moderat ausfällt. Aber ja, die Demokratien sind insgesamt unter Druck, das ist eine internationale Entwicklung.

Kommen wir mal zurück nach Deutschland. Bei der Europawahl haben sehr viele junge Menschen die AfD gewählt.

Ja, und das muss uns beschäftigen.

Man hat im Nachgang herausgefunden, dass vor allem junge Männer die AfD oder rechts wählen, während die jungen Frauen eher links wählen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Es gibt wahrscheinlich mehrere Gründe. Es gibt Untersuchungen, wonach momentan eben nicht mehrheitlich eine Fridays-for-Future-Generation heranwächst. Ein großer Teil der Schülerinnen und Schüler befasst sich eher mit ihrer wirtschaftlichen Zukunft. Und da scheint seltsamerweise die AfD punkten zu können. Es gibt dazu zwei recht einleuchtende Erklärungsansätze. Ein Faktor ist wohl die Dominanz der AfD, was Social Media angeht. Das hinterlässt Spuren. Und es gibt zweitens offenbar das Phänomen, dass man etwas erst recht macht, wenn viele sagen, dass man das nicht darf. Wolf Biermann hat das mal in einem ganz anderen Zusammenhang gut auf den Punkt gebracht: „Was verboten ist, das macht uns grade scharf. Keiner tut gern tun, was er tun darf.“ Aber das ist nicht alles, wir haben vor allem dort hohe Stimmanteile für die AfD, wo die Lebensverhältnisse problematisch sind. Das gilt etwas in manchen ländlichen Regionen und dagegen kann man etwas tun.

TikTok, Trotz und das Gefühl, abgehängt zu sein, das sind so die Erklärungen, die ich öfter höre. Und dann werden als Reaktion TikTok-Filmchen über Aktentaschen gedreht. Ist das nicht ein bisschen sehr platt? Und unterstreicht das nicht, dass die Politik die jungen Menschen nicht wirklich ernst nimmt? Kann es nicht eher sein, dass sich da eine Generation einfach nicht gesehen fühlt? Aber gesehen werden möchte? Und jetzt nach Aufmerksamkeit schreit.

Naja, so schlimm fand ich die Aktentasche nicht und sie hat viele Klicks bekommen. Das war für das Bundeskanzleramt ein Eintritt in die TikTok-Welt. Richtig ist, dass wir uns der jungen Generation stärker zuwenden müssen. Aber zu Ihrer Frage: Ich glaube, es ist eine Mischung aus all dem, was Sie und ich aufgezählt haben.

Deutlich sichtbar ist, dass junge Menschen zunehmend ihre Zuversicht und ihr Vertrauen in die Politik verlieren …

und in die eigene Zukunft, das ist auch ein wichtiger Punkt. Deswegen kann man auch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Das betrifft den Inhalt von Politik und auch ihre Präsentation. In den Vordergrund gehören Themen, die den Alltag von Leuten betreffen, anstelle kaum vermittelbarer Insider-Debatten. Und die Kommunikation muss den richtigen Ton treffen, dazu gehört dann heute bezogen auf junge Leute auch die Präsenz auf TikTok. Die Parteien jenseits der AfD tun sich damit noch schwer. Wir sind darauf trainiert, im Zweifel differenziert aufzutreten. In der Politik gibt es nicht nur schwarz oder weiß, sondern meistens viele unterschiedliche Grautöne. Im Bereich von Social Media geht es aber meistens ziemlich hart um schwarz oder weiß. Auf den Wahrheitsgehalt kommt es dabei weniger an. Bei solchen Rahmenbedingungen ist eine Partei wie die AfD naturgemäß im Vorteil. Wir anderen dürfen deswegen nicht mit dem Lügen anfangen, sondern müssen einen eigenen, seriösen und für junge Leute interessanten Weg finden.

Ein Mittel gegen rechts ist Bildung, in den Schulen, in den Kindergärten. Passiert da schon genug?

Da ist ganz sicher noch Luft nach oben. Gute politische Bildung für Kinder und Jugendliche ist von enormer Bedeutung. Gerade in der Verbindung mit digitaler Bildung geht da an den Schulen sicher einiges. Unser Lehrerinnen und Lehrer geben sich wirklich größte Mühe. Aber wir können noch nicht wirklich beurteilen, wie es um den Output bestellt ist. Verlassen wirklich alle jungen Leute unsere Schulen als mündige Staatsbürgerinnen und Staatsbürger? Wissen sie, was eine Demokratie ausmacht, können sie sich ihr eigenes Urteil bilden und werden sie motiviert für Engagement? Ich bin mit Kultusministerin Julia Willie Hamburg im engen Austausch darüber, wie wir bei der politischen Bildung noch besser werden können. Für mich ist Politik im Unterricht genauso wichtig wie die klassischen Hauptfächer.

Kommen wir noch einmal auf die Zuversicht. Wenn ich mit jungen Leuten spreche, dann begegnet mir momentan ganz viel Pessimismus. So eine fast destruktive Grundhaltung. „Bringt eh alles nichts, die Politik löst die Probleme nicht, ich denke jetzt zuerst an mich und versuche, einfach noch Spaß zu haben und mein Ding zu machen. Der Rest ist mir egal.“ Von Gemeinschaft und Zusammenhalt höre ich kaum noch etwas. Und ich finde, das ist ziemlich besorgniserregend.

Wenn wir beide an unsere eigene Jugend denken, gab es auch genug Probleme, zum Beispiel eine hohe Jugendarbeitslosigkeit. Aber für uns war immer ganz klar: Die Zukunft wird gut. Dieses Lebensgefühl hat sich erkennbar verändert, diese Gewissheit ist abhandengekommen. Aber es gibt auch die andere Seite der Medaille. Wir sind nach wie vor eine der reichsten Gesellschaften der Welt und die drittgrößte Volkswirtschaft. Wir leben auf einem Niveau, um das uns weltweit viele beneiden. Und bei uns engagieren sich immer noch ungeheuer viele Leute für die Gemeinschaft. Bei aller notwendigen Selbstkritik und Respekt vor anstehenden Herausforderungen – wir haben auch gute Gründe, selbstbewusst zu sein. Ich habe im Moment ein bisschen Sorge, dass wir uns und unser Land in ein zu schlechtes Licht stellen. Man soll die Probleme nicht klein reden, aber sich selbst und die eigenen Erfolge und Perspektiven eben auch nicht. Selbstbewusstsein und Problembewusstsein, beides könnte die ältere Generation der jüngeren übrigens gut vorleben!

Interview: Lars Kompa

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