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Ein letztes Wort im Juni

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Ein letztes Wort im Juni


Herr Weil, lassen Sie uns bei diesem Gespräch Corona mal ausklammern und darüber reden, was uns am und nach dem 26. September erwartet. Glauben Sie wirklich an einen Kanzler Olaf Scholz?
Das ist keine Frage des Glaubens, sondern eine der Chancen. Eine realistische Chance, die sehe ich ganz klar. Dass dafür noch eine Menge passieren muss und dass man dafür kämpfen muss, das sehe ich natürlich auch.

Die SPD liegt in den Umfragen wie festgenagelt seit Wochen und Monaten bei plus-minus 15 Prozent, woher nehmen Sie Ihren Optimismus?
Wenn ich zum Beispiel auf Niedersachsen blicke, dann gab es gerade erst eine Umfrage, bei der deutlich geworden ist, dass die SPD derzeit auf Landesebene durchaus die stärkste Kraft ist. Und in Rheinland-Pfalz ist Malu Dreyer gerade zum dritten Mal zur Ministerpräsidentin gewählt worden. Eine SPD, die nah bei den Bürgerinnen und Bürgern ist, die die Alltagsprobleme und die Zukunftsthemen anpackt, die hat nach meiner Überzeugung gute Chancen. Bei den Bundestagswahlen wird zudem vor allem die K-Frage entscheidend sein: Wer soll Nachfolgerin oder Nachfolger von Angela Merkel werden? Und bei dieser zentralen Frage spricht sehr viel für die SPD. Die einen haben einen Kandidaten, dem der eigene Verein das nicht so recht zutraut – das ist nach meiner Erfahrung keine besonders gute Voraussetzung. Und dann gibt es eine Kandidatin, die hatte wirklich einen guten Start, aber sie wird jetzt mehrere Monate lang konkrete Antworten liefern und auch sonst beweisen müssen, ob sie die Anforderungen für dieses extrem schwierige Amt auch wirklich erfüllt. Bei Olaf Scholz kann niemand ernsthaft in Frage stellen, dass er die Kragenweite für das Amt hat.

Finden Sie denn das Argument, dass jemand noch keine Regierungserfahrung hat, ist überhaupt eins? Ist das nicht eine Nebelkerze, ein Scheinargument?
Sagen wir es mal so: Bei den Ämtern, die ich bisher hatte, hatte ich immer den Eindruck, dass es mir ganz gut getan hat, über gewisse Vorerfahrungen zu verfügen.

Aber dann nehmen Sie mal den Scheuer, der hat ja auch Vorerfahrung …
(lacht) Okay, Erfahrung ist eine notwendige, aber noch keine hinreichende Voraussetzung, da gebe ich Ihnen Recht. Aber man muss auch sehen: Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler, das ist wirklich ein knüppelharter Job mit einer riesigen Verantwortung. Und so ganz ohne Regierungserfahrung – das finde ich schwierig. Gibt es die notwendige Nervenstärke in extremen Krisensituationen? Hat jemand das notwendige „Sitzfleisch“ und die notwendige Durchsetzungskraft, wenn man nur darüber politische Erfolge erzielen kann? Das ist insbesondere auf der internationalen Ebene oft der Fall. Das sind nur einige Qualitäten, die im Bundeskanzleramt extrem notwendig sind.

Annalena Baerbock hat zwei Kinder und steht mit beiden Beinen im Berufsleben, ich denke, über Nervenstärke und Sitzfleisch wird sie verfügen. Angela Merkel hat zum Start auch kaum jemand den Job zugetraut.
Angela Merkel ist zum Start sicher unterschätzt worden, vor allem auch in den eigenen Reihen. Aber sie hatte damals bereits mehrjährige Regierungserfahrung als Bundesumweltministerin. Und sie war mehrjährige Parteivorsitzende, gerade auch in sehr schwierigen Phasen ihrer Partei. Solche Erfahrungen prägen eine Persönlichkeit.

Kommen wir zurück zur SPD, die kann machen, was sie will, sie kommt nicht aus dem Tief. Realistisch wären über 20 Prozent bei der kommenden Wahl schon ein Erfolg, oder?
Ein Erfolg wäre es, wenn die SPD mit Olaf Scholz den nächsten Bundeskanzler stellten würde – dafür werden 20 Prozent nicht ausreichen. Das Potenzial liegt deutlich darüber: Viele Wählerinnen und Wähler können sich durchaus vorstellen, die SPD zu wählen und dieses Potenzial müssen wir mobilisieren – der Bundestagswahlkampf kommt ja erst noch.

Wenn ich lese und höre, was die SPD will, was auf dem Zettel steht, dann mache ich mal den Lanz und frage: Wie lange war die SPD jetzt an der Regierung beteiligt? Warum ist da nicht schon viel mehr umgesetzt?
Weil die SPD – zum Schaden der SPD aber auch zum Schaden des Landes – immer in der Rolle des kleineren Koalitionspartners gewesen ist. In den Bundesregierungen seit 2005 haben die Konservativen viele gute sozialdemokratische Initiativen blockiert. Deshalb konnten leider viele soziale Ungerechtigkeiten nicht ausgeglichen werden. Davon abgesehen hat die SPD durchaus vieles umgesetzt wie beispielsweise die Grundrente und etliche andere Pluspunkte in einer Leistungsbilanz.

Kommen wir noch einmal zu Olaf Scholz. Das ist nun nicht unbedingt der Charismatiker, der ganz vorne marschiert und die Leute mitreißt.
Sie sollten Olaf Scholz nicht unterschätzen! Und nehmen Sie mal Angela Merkel: Charisma ist ihr sicher am wenigsten zugesprochen worden während ihrer Kanzlerschaft. Ich glaube, bei Wahlen geht es um Charakter, also um Glaubwürdigkeit und um das Vertrauen in die Kompetenz. Die Leute wissen, dass mit diesen großen Ämtern eine wirklich immense Verantwortung verbunden ist. Die Frage für viele Wählerinnen und Wähler ist: Wem traue ich zu, dass sie oder er meine persönliche Lebenssituation verbessert und auch für eine gute Entwicklung insgesamt sorgt.

Ich wundere mich immer ein bisschen, dass bei der SPD so viele in Deckung gehen, wenn man eine Koalition mit den Grünen und den Linken vorschlägt.
Tja. Bei den Linken versammeln sich ja sehr unterschiedliche Politikerinnen und Politiker. Und wenn Sie mich fragen, ob ich mit Bodo Ramelow und Dietmar Bartsch eine Koalition schließen würde, dann sage ich sofort ja. Wenn Sie mich fragen, ob ich mit der neuen Parteiführung der Linken eine Koalition schließen würde, dann muss ich erst einmal tief durchatmen und dann feststellen: ich weiß eigentlich gar nicht so richtig, was die überhaupt wollen bzw. wofür die Linke steht.

Was sie wollen, haben sie ja schon recht deutlich gesagt, zum Beispiel gibt es kein Bekenntnis zur Nato.
Es stellt sich grundsätzlich die Frage, wie groß die Bereitschaft bei den Linken ist, es auch mal mit Realpolitik zu versuchen. Bei den Linken gibt es einen großen Flügel, der sagt, man sei Strukturopposition – damit kommt man dann eben auch nur schwerlich als Regierungspartei in Frage.

Wenn man die Programme der SPD, der Grünen und der Linken vergleicht, dann gibt es insbesondere bei Themen wie der Sozialpolitik große Überschneidungen. Wohnungspolitik, Gesundheitspolitik, Fragen der Gleichberechtigung, der Gerechtigkeit. Man könnte gemeinsam eine Menge auf den Weg bringen.
Ja, es gibt große Schnittmengen, vor allem zwischen den Grünen und der SPD. Beide Parteien würden das Land wirklich voranbringen, wenn die CDU nicht mehr länger auf der Bremse stünde. Mehr bezahlbaren Wohnraum, umweltgerechte Industriepolitik, höhere Löhne, gleiche Bildungschancen für alle – all das und vieles mehr gibt es nur mit einer starken SPD. Mit Blick auf die Linken haben SPD und Grüne gleichermaßen große Fragezeichen, aus den eben genannten Gründen.

Ist dazu nicht der Wahlkampf da, dass man um die nötigen Mehrheiten kämpft? Wenn ich sage, es gibt ohnehin strukturell keine linke Mehrheit in Deutschland, muss ich ja gar nicht erst antreten.
Bevor die SPD irgendwelche Bündnisdiskussionen führt, muss sie zunächst noch deutlicher machen als bislang, warum man sie wählen sollte. Die SPD kann und muss jetzt die eigenen Qualitäten schärfen und herausstellen – darum geht es zuallererst.

Aber wenn man den Leuten eine klare Perspektive aufzeigt und sagt, es gibt da noch einen anderen Weg als eine Große Koalition oder Schwarz-Grün, bzw. vielleicht Grün-Schwarz, könnte das nicht gerade hilfreich sein?
Dass es einen anderen Weg gibt, sagt die SPD laut und deutlich. Aber dafür kommt es eben auch darauf an, dass die SPD stark ist. Und das ist sie nur, wenn ihre Qualität klar erkennbar ist und nach vorne gestellt wird. Darum muss es jetzt gehen. Die SPD will nach innen eine konsequente Modernisierung vor allem in den Feldern Digitalisierung und Klimaschutz, und nach außen ein knallhartes Bekenntnis zu Europa sowie insgesamt eine starke Orientierung am Thema Respekt und an einem Miteinander mit vielen Partnern auf Augenhöhe. Unsere Ziele sind sehr klar formuliert. Und es sind gute Ziele für eine große Mehrheit der Gesellschaft. Das müssen wir in den Vordergrund stellen.


● Interview: Lars Kompa

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CODO Street Kitchen

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CODO Street Kitchen


Duc Nguyen hat mit dem CODO an der Lister Meile eine Welt geschaffen, in der authentische Tradition und Frische das A und O der vielfältigen Küche Vietnams vermitteln. Der Grundsatz des leidenschaftlichen Kochs wird hier gelebt: „Bổ Rẻ“ ist ein weit verbreitetes vietnamesisches Sprichwort und bedeutet wortgemäß „köstlich – gesund – preiswert“. Und so wird jedes der Gerichte aus den verschiedenen Regionen Vietnams stets frisch zubereitet und dabei auf Glutamat und jegliche sonstigen Geschmacksverstärker verzichtet. Mit Vietnam assoziiert der Restaurantinhaber vor allem Geselligkeit und gemeinsames Essen, danach den bekannten Eiskaffee mit karamellisierter Milch zu schlürfen oder zum Street Food eine frische Limonade aus Passionsfrucht oder Limetten zu trinken und dem Treiben auf der Straße (hier: Fußgängerzone) zuzusehen – etwas, was zum Zeitpunkt des Testessens noch nicht wieder im ersehnten Ausmaß möglich war. Kurz vor dem Ende des Lockdowns für die (Außen-) Gastronomie haben wir uns dennoch von den exotischen Aromen einiger Mitnehmspeisen an das Lebensgefühl Vietnams heranführen lassen.

Obwohl auf der Internetseite ausdrücklich die Sommerrollen als praktisches Fingerfood besonders empfohlen werden – in feinem Reispapier eingerolltes Hühnerfilet, frischer Salat, Reisnudeln und Omelettestreifen zur traditionellen Fischsauce mit Zitrone und frischen Chilis –, sind wir unserer Vorliebe für Knuspriges erlegen und haben die vegetarischen Minifrühlingsrollen gewählt plus Crispy Wan-Tan, sechs ebenfalls kross gebackene Teigtaschen gefüllt mit Hühnerfleisch, dazu  Chilisauce (jeweils 3 Euro). Erstere schmecken auch ohne die süße Sauce nach was und sind als Beilage oder Snack vorm Fernseher daher zu empfehlen, Zweitere sind eher witzig geformtes und im Mund nett knisterndes Dekomaterial als wirkliche Geschmacksträger.
Beliebt sind von der CODO-Karte außerdem die Currys (wahlweise mit Huhn, Rind, Ente, Garnelen oder Tofu), genauso wie Bún, eine Reisnudel-Bowl mit Rindfleisch mariniert in Zitronengras, die als Beilage Eisbergsalat, Minzblätter, Gurkenstreifen und eingelegte Karottenstreifen mitbringt. Wir hingegen haben heute Lust auf zartes (sehr zartes!) Hühnchen in cremiger Kokos-Curry-Erdnusssauce, serviert mit Jasminreis und Saisongemüse (für 7,50 Euro) – und haben damit eine gute Wahl getroffen. Besonders gut gefallen die dünnen Bambus-Streifen, die wie der Brokkoli, die grünen Bohnen, die Zucchini und die rote Paprika hervorragend al dente gegart sind, und auch die kräftig abgeschmeckte, nicht zu feste und nicht zu flüssige Sauce überzeugt uns.
Das Rau Xào (auch 7,50 Euro) ist ein sehr schmackhaft zubereitetes Gericht mit dem gleichen Gemüse plus Pilzen und würzigem, ebenfalls feinem Rindfleisch, dem die bekannte Chop-Suey-Sauce aus Soja- und Fischsauce eine typische Note verleiht. Mit der intensiveren Erdnuss-Kokos-Melange kann sie zwar nicht mithalten, dafür ist von beiden Saucen aber neben Reis und Gemüse reichlich vorhanden und wir wären auch ohne die zusätzlichen Bratnudeln satt geworden. Trotzdem schmecken diese mit Ei und saisonalem Gemüse so lecker, dass die zusätzlichen Euro gut investiert sind.
Bleiben für das nächste Mal nur noch die Reisbandnudelsuppe, die Wok-Gerichte aus der Vietnamese Streetkitchen und Speisen wie der gebratene Reis mit knuspriger Ente, die erfahrungsgemäß während des Transports schnell matschig wird und besser an Ort und Stelle auf dem Teller landet. Danach dann noch eine Banane im Teigmantel, übergossen mit Honig und Kokosmilch, verfeinert mit Sesam, dazu ein Hanoi Espresso oder vietnamesischer Eiskaffee, und dann zurücklehnen und endlich wieder das städtische Lebensgefühl an der belebten Lister Meile genießen …

 ● Anke Wittkopp

 

Lister Meile 67
30161 Hannover
0511 899 3689
www.codo-streetkitchen.business.site
Öffnungszeiten:
So – Mi 11.30-21 Uhr
Do – Sa 11.30-22 Uhr

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Such dir deinen Verein

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Such dir deinen Verein


Es ist keine kleine Herausforderung, in solchen Zeiten ein Monatsmagazin, ein Veranstaltungsmagazin zu machen. Wir haben seit der Gründung 2005 „Geschichten (gelogen und wahr)“ auf unserem Titel stehen, bei den Veranstaltungen möchten wir aber doch lieber verlässlich Informationen weitergeben. Wie kann das funktionieren, wenn die Veranstalter es selbst nicht so genau wissen, beziehungsweise permanent auf die Entwicklungen reagieren, mit einem gestressten Seitenblick auf den Inzidenzwert? Dass es funktioniert hat, sieht man an dieser Ausgabe, die darüber hinaus sogar sehr dick ist. Wir haben zusätzlich zum Stadtkind noch zwei sehr spannende Beilagen auf die Beine gestellt, eine KaufLust-Sommer-Beilage und eine Theater-Beilage, jeweils mit 32 Seiten. Es war uns wichtig, vor der Sommerpause noch einmal in Erinnerung zu rufen, was wir sogar schon vor der Pandemie „gepredigt“ haben: Kauft nebenan! Wenn unsere Stadt lebendig und vielfältig bleiben soll, und das wird sie aus meiner Sicht unter anderem auch durch einen Mix kreativer kleiner Geschäfte in den Einkaufsstraßen und Seitenstraßen, dann können wir sozusagen mit den Füßen dafür sorgen.

Ähnlich ist es beim Thema Kultur. Die Veranstaltungen, die jetzt demnächst erfreulicherweise wieder stattfinden, die Konzerte, Ausstellungen, Lesungen, Vorstellungen, sie brauchen Publikum, brauchen zugewandte und interessierte Menschen. Wir können unserer Kultur in diesen Zeiten wieder auf die Beine helfen, wenn wir uns jetzt auf den Weg machen, bei aller Vorsicht. Darum war es mir wichtig, noch eine zweite Beilage zum Theater umzusetzen. Entstanden sind 32 Seiten Optimismus – und darüber habe ich mich sehr gefreut. Zuversicht ist genau das, was wir jetzt alle brauchen und was uns zusammenhalten kann.

Womit ich bei unserem Monatsthema bin, den Vereinen. Die Idee ist entstanden, als ich vor ein paar Wochen hörte, dass die Vereine leiden, weil zunehmend Mitgliedschaften gekündigt werden. Vereine sind für mich Orte der Begegnung und Gemeinschaft, sie sind der Kitt, der unsere Gesellschaft an vielen Stellen zusammenhält. Ein ganz wichtiger Baustein für ein funktionierendes Miteinander. Wenn es in diesen Pandemie-Auszeiten nun vermehrt Austritte gab, dann muss man sich gegen so eine Entwicklung stemmen. Wir haben „Mitglied werden – jetzt!“ auf unseren Titel geschrieben und das ist exakt so gemeint, wie es da steht. Es ist ein Appell, in die Vereine zurückzukehren oder sich ganz neu einen Verein zu suchen. Ist gesund, macht Spaß, ist eine hervorragende Medizin gegen alles Mögliche, zum Beispiel auch gegen die Einsamkeit.

Und nun viel Spaß mit dieser Ausgabe aus der „Zwischenzeit“. In der kommenden Juli-Ausgabe könnte es passieren, dass das Stadtkind wieder mit einem Veranstaltungskalender erscheint. Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns einmal über so eine Selbstverständlichkeit derart freuen würden

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Stadtkinder streuen Gerüchte – Schatzsuche in Oggersheim

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Stadtkinder streuen Gerüchte – Schatzsuche in Oggersheim


Foto: Foto: Pexels / PixabayLudwigshafen-Oggersheim, 2 Uhr in der Nacht. Emsiges Treiben im Taschenlampenlicht. Nicht nur die Nachbarn wundern sich und rufen die Polizei, die aber wenig später Entwarnung gibt. Es handele sich lediglich um eine private, nächtliche Schatzsuche … Die dauert nun bereits ein paar Tage und hält die Anwohner der Marburger Straße in der beschaulichen rheinischen Ortschaft Oggersheim wach. Was suchen diese Leute auf dem Grundstück der Hausnummer 11, dem einstigen Wohnsitz Helmut Kohls? Sind hier vielleicht irgendwelche Schätze aus schwarzen Kassen vergraben? Und sieht der eine mit der Schaufel nicht so ein bisschen so aus wie der Armin Laschet?
Auch in Berlin brennt momentan spät nachts noch Licht. In der Parteizentrale der CDU brütet man über vielen vollgekritzelten Papieren. Dazwischen zerschnittene Parteiprogramme der SPD und der Grünen. Einzelne Sätze finden sich mit Klebestift fixiert zwischen handschriftlichen Notizen. Die CDU arbeitet mit Hochdruck an einem Parteiprogramm. Die politische Konkurrenz hat längst geliefert, man ist ins Hintertreffen geraten und muss jetzt möglichst bald etwas Handfestes präsentieren. Die Republik wartet auf den Laschet-Plan. Die Köpfe rauchen. Es ist nicht so leicht. Denn für das Programm war ja immer der Koalitionspartner SPD verantwortlich, die Aufgabe der CDU/CSU hat in den vergangenen Jahren eigentlich nur darin bestanden, bei den SPD-Vorschlägen auf die Bremse zu treten und nicht alles vollständig umzusetzen. Das war so eingespielt, man hatte sich wechselseitig an diese Rollenverteilung gewöhnt. Aber nun zeichnet sich ab, dass die SPD nicht mehr bereit ist, einfach zu liefern. Und ob die Grünen sich in einer großen Koalition so leicht ausbremsen lassen, daran zweifelt die Union.
Also hat man sich nun an dieses eigene Parteiprogramm gemacht. Und musste quasi bei null anfangen. Ein Herkulesaufgabe. So verwundert es nicht, dass das Gerücht über den Schatz in Oggersheim in der Parteizentrale eingeschlagen ist wie eine Bombe und die CDU-Spitze förmlich elektrisiert hat. Helmut Kohl soll vor Jahren in seinem Garten in einer Zeitkapsel ein Parteiprogramm vergraben haben. Manche munkeln zwar, es sei gar kein CDU-Programm, der Altkanzler soll es Helmut Schmidt bei einer nächtlichen Pokerrunde abgejagt haben, aber das ist ja einerlei. Hauptsache Parteiprogramm. Und so versammeln sich nun Teile der CDU-Spitze jede Nacht in Oggersheim und graben den gesamten Garten des Altkanzlers um. Auf der Suche nach Inhalten. Wir drücken die Daumen. Ganz fest!

● GAHAW

Foto: Foto: Pexels / Pixabay

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Wolfram Hänel: Der Junge, der mit Jimi Hendrix tanzte

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Wolfram Hänel: Der Junge, der mit Jimi Hendrix tanzte


Je älter man wird, desto wichtiger, aber auch schwieriger wird die Auseinandersetzung mit der eigenen Jugendzeit. In Wolfram Hänels Roman Der Junge, der mit Jimi Hendrix tanzte wird ebensolch eine Reise in die Vergangenheit unternommen – zurück in eine Schulzeit im Hannover der 1970er Jahre, die von Rebellionen, Zukunftsträumen und dramatischen Ereignissen geprägt ist. Erstmals im Jahr 2009 erschienen ist das Buch kürzlich vom zu Klampen-Verlag wiederaufgelegt worden.

Der Roman beginnt mit einer ziemlich denkwürdigen Szene: Als der Protagonist Kurt Appaz zu später Stunde von einem feuchtfröhlichen Abend mit seinem Kumpel Kerschkamp nach Hause radelt, erblickt er einen Mann, dem ein Beil aus dem Kopf ragt. Zunächst traut Appaz seinen Augen nicht, schließlich weist sein Gedächtnis dank dem übermäßigen Alkoholkonsum ein paar Lücken auf, doch nach kurzem Nachdenken weiß er zwei Dinge ganz genau: 1. In der Kneipe hat er sich von seinem Freund dazu überreden lassen, an einem Klassentreffen ihres Abiturjahrgangs teilzunehmen, um eine alte Rechnung zu begleichen. Und 2. dieser Mann mit dem Beil im Kopf ist echt! Behutsam spricht Appaz ihn an, erfährt, dass das Malheur im Zuge eines Streits mit der Gattin passiert ist, und begleitet den verwirrten Herrn anschließend zum nächstgelegenen Krankenhaus. Dort wird er in die resoluten Hände der hübschen Neurochirurgin Darleen übergeben, die die Wunde in Nullkommanichts versorgt hat – und sich im formloser werdenden Gespräch in ihrem Büro als Leserin von Appaz‘ Büchern entpuppt. Eine schräge Episode, von denen es in diesem zumindest semi-autobiografischen Roman (unter dem Pseudonym Kurt Appaz ist das Buch ursprünglich veröffentlicht worden) nur so wimmelt!
Gerahmt werden diese skurrilen Detailgeschichten von der Schilderung des im Suff beschlossenen Ausflugs in die Vergangenheit, also dem Klassentreffen. Diesem fiebern Appaz und Kerschkamp mit gemischten Gefühlen entgegen, denn sie haben ihre Schulkameraden seit 33 Jahren nicht mehr gesehen. Bereits im Vorfeld kommen bei Appaz Erinnerungen an die mit Kerschkamp gemeinsam verlebte Kindheit und Jugend hoch: die schwierigen Anfänge ihrer Freundschaft in der Grundschule, die Entwicklung von Erzfeinden zu Busenfreunden, merkwürdige Erlebnisse und gemeinsame „Abenteuer“, die sich ihm ins Gedächtnis eingebrannt haben. Und dann folgt das eigentliche Klassentreffen im Landheim des Gottfried-Wilhelm-Gymnasiums, wo es dann doch ein eher unspektakuläres Wiedersehen gibt. Während die ehemaligen Mitschüler zunehmend belanglose Anekdoten aus der gemeinsamen Zeit zwischen 1966 und 1975 erzählen, taucht plötzlich jemand auf, an den sich niemand erinnern kann. Und mit einem Mal gerät das Treffen außer Kontrolle …
Als „einer der vielschichtigsten Schriftsteller im deutschen Sprachraum“ wurde Wolfram Hänel gelobt, als er 2001 mit dem Kurt-Morawietz-Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Und das ist gar nicht mal untertrieben, schließlich hat der 1956 in Fulda geborene Autor mittlerweile über 120 Bücher veröffentlicht, von Krimis über Jugendromane bis hin zu Reiseführern. Nach dem Schulabschluss studierte er Deutsch und Englisch an der FU Berlin sowie an der Uni Hannover und schloss das Studium 1982 mit dem Ersten Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien ab. In den folgenden Jahren arbeitete er als Plakatmaler und Theaterfotograf für die Landesbühne Hannover, als Werbetexter, Studienreferendar, Spiele-Erfinder und Dramaturg, bevor er schließlich zu schreiben anfing – zunächst vor allem für Kinder und Jugendliche, nachher auch für das erwachsene Publikum. Viele seiner neueren Werke entstehen in Zusammenarbeit mit seiner Lebens- und Schreibpartnerin Ulrike Gerold und werden unter Pseudonymen wie „Freda Wolff“ (Schwesterlein muss sterben (2014), Nichts ist kälter als der Tod (2017)) oder „Ulrike Wolff“ (Alle unsere Träume (2019), Die Dame vom Versandhandel (2020)) veröffentlicht. Auch Der Junge, der mit Jimi Hendrix tanzte ist zunächst unter einem Pseudonym erschienen. Es ist der Auftakt einer Dilogie, die in „1975. Aus dem Leben eines langhaarigen Taugenichts“ ihren Abschluss findet. Auch dieses Buch wird als Neuauflage bei zu Klampen erscheinen, voraussichtlich im Oktober.

    ● Anja Dolatta
Der Junge, der mit
Jimi Hendrix tanzte
Eine Jugend in den 70er Jahren
von Wolfram Hänel
zu Klampen Verlag
388 Seiten
20 Euro
Mehr Infos auf
www. haenel-buecher.weebly.com                                                        

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Unter Freunden

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Unter Freunden


Heute treffen wir zwei umtriebige AkteurInnen der hiesigen Kulturszene: Susanne Müller-Jantsch (SMJ) ist die Geschäftsführerin des Pavillon, eines der wichtigsten Kultur- und Veranstaltungsorte in Hannover. David Lampe (DL), Mitgründer des KlubNetz-Verbandes, war der allererste Azubi des Béi Chéz Heinz und ist heute unter anderem Dozent für Veranstaltungsmanagement. Beide sind routinierte Interview-Gäste und steigen sofort in eine Fachsimpelei über Live-Streamings ein.

Foto: Dimi Anastassakis SMJ – … ich finde es ganz spannend, sich dabei selbst zu sehen. Man kann das ganz gut nutzen, zum Beispiel um die Moderationen zu verbessern.
DL – Ich hatte gestern einen Studiobesuch bei „NDR Niedersachsen 18.00”, und meine Mutter hat mir richtig hartes Feedback gegeben. „Brauchst du ein schwarzes Hemd, das nicht ausgewaschen ist? Warum sagst du immer spannend?” Du hast schon recht, das schult natürlich im Präsentieren und Artikulieren, auch wenn es manchmal wehtut.

 

Heute könnt ihr ganz entspannt reden. Keiner guckt zu. Ich bitte um eine kurze Vorstellung! 
SMJ – Ich bin Diplom-Kulturpädagogin. Diesen Beruf gibt es gar nicht mehr, heute sind das KulturwissenschaftlerInnen. Seit 1997 bin ich im Pavillon tätig und habe dort anfangs Projektarbeit zu den Themen Gesellschaft und Politik gemacht. Als der Pavillon ab 2011 saniert wurde, bin ich in die Geschäftsführung gegangen und habe das zehn Jahre gemeinsam mit meinem Kollegen Christoph Sure gemacht. Seit Christoph vor einem Jahr in den Vorruhestand gegangen ist, bin ich alleinige Geschäftsführerin. Ab Januar 2022 werden wir die vakante zweite Stelle in der Doppelspitze nachbesetzen.
DL – Ich bin 2004 für meinen Zivildienst in einem Jugendzentrum in Springe hergekommen. Damals bin ich bewusst nicht nach Springe, sondern nach Hannover gezogen, um Foto: Thomas LangrederKultur hier erleben zu können: Faust, Glocksee, Béi Chéz Heinz, das waren Orte, wo ich mich wohlgefühlt habe. Den Pavillon hatte ich damals noch gar nicht so auf dem Zettel. Beruflich ging es bei mir dann ganz schnell in Richtung Konzertveranstalter. Anfangs ehrenamtlich in einer freien Gruppe, dann als Auszubildender in einem Klub, wo ich vom Praktikum bis hin zum Vorstand alle möglichen Stationen durchlaufen habe. 2015 habe ich den KlubNetz-Verband der niedersächsischen Konzertkulturschaffenden mitgegründet. Wir haben mit dieser Verbandsarbeit damals etwas begonnen, das sich jetzt gerade sehr auszahlt.
Ich habe dann noch Veranstaltungsmanagement studiert und bin jetzt bei der „Initiative Musik” auf Bundesebene zuständig für VeranstalterInnen- und Festival-Beratung für die Bundesförderung „Neustart Kultur”. Dazu bin ich noch Dozent für Veranstaltungsmanagement an der Hochschule Hannover und ehrenamtlich Geschäftsführer beim KlubNetz.
SMJ – Du sagtest ja, du kanntest den Pavillon erst einmal gar nicht so richtig. Ich habe ihn, als ich 1982 zum Studium nach Hannover gekommen bin, total gerne besucht, weil ich ihn als einen offenen und zugänglichen Ort empfunden habe, wo ich auch mal allein hingehen konnte. Ich habe in verschiedenen anderen Kultureinrichtungen gearbeitet, aber der Pavillon hat mich immer begleitet, bis ich mich initiativ beworben habe. Ich bin da also im Grunde hineingewachsen. Dass das möglich war, hat mich total geprägt. Wenn mich heute Leute ansprechen und sagen, dass sie unheimlich gerne mal im Pavillon arbeiten würden, denke ich immer an meinen eigenen Zugang und versuche, etwas zu ermöglichen. Wir wollen ein offenes Haus sein, in dem Leute mit eigenen Projekten starten können.

Aktuell ist wahrscheinlich eine verrückte Zeit: Die Ruhe vor dem Sturm, wenn wieder geöffnet wird?    
SMJ – Es gab mal eine ruhigere Zeit zu Anfang der Pandemie im letzten Frühjahr. Im Sommer konnten wir draußen veranstalten und im Herbst für zwei Monate öffnen. Seither haben wir mit unserem Streaming-Programm unheimlich viel zu tun. Erst wollten wir das gar nicht, aber dann haben wir gemerkt, dass wir unbedingt etwas für unsere MitarbeiterInnen tun müssen, besonders für die Auszubildenden. Und die KünstlerInnen brauchten Auftrittsmöglichkeiten. Also haben wir unsere Streaming-Bühne entwickelt. Von daher haben wir viel zu tun. Die vielen Förderprogramme, das Krisenmanagement, all das fordert uns ganz schön.

Für dich, David, ist es wahrscheinlich eine arbeitsreiche Zeit, weil all diese Anträge noch eine Weile „nachhängen” werden.
DL – Ja, tatsächlich wird gerade schon von der „zweiten Kultur-Milliarde” gesprochen. Das bedeutet viel Arbeit, aber auch gute Arbeit.
Und Susanne, die Bedeutung des Pavillons wurde mir mit den Jahren natürlich auch klar. Schon vor dem Umbau habe ich viele meiner Konzertabende dort verbracht, weil ich durch den Generationswechsel, der sich damals vollzog, einfach besser abgeholt worden bin. Ich habe dann auch die Theaterabende für mich entdeckt, was mich als Anfang 20-jähriger Partygänger weniger interessiert hatte.
SMJ – Da hast du recht, durch den Generationswechsel hat sich viel geändert, auch die Musikfarben. Und das Theaterprogramm bildet jetzt viel mehr zeitgenössische Strömungen ab. Interessant finde ich: Die Älteren fragen immer, wo unsere jüngeren Gäste seien. Sie nehmen dabei gar nicht wahr, dass sie sich natürlich genau die Veranstaltungen aussuchen, die von Gleichaltrigen besucht werden. Es gibt nicht viele Veranstaltungen, die alle Zielgruppen vereinen. Balkan Beat vielleicht, da kommen verschiedene Altersgruppen. Zu Dota geht eben nur eine Altersgruppe. Ich finde es gut, wenn das nebeneinander existiert.
DL – Dota ist ein schönes Beispiel. Sie hat auf der Straße ihre ersten Konzerte gegeben, dann konnte ich sie ins Béi Chéz Heinz einladen, jetzt spielt sie im Pavillon. Dabei hat sie ihr Publikum mitgenommen. So mischen sich die Menschen, die sonst vielleicht ein bisschen eingleisig unterwegs wären und kommen wieder mit neuen Orten in Kontakt.
SMJ – Vor dem Umbau konnten wir immer nur eine Veranstaltung am Abend durchführen, weil die Säle akustisch nicht voneinander getrennt waren. Danach hatten wir auf einmal vier Säle, die wir parallel bespielen konnten. Dadurch hat sich unser Programm wahnsinnig verbreitert. Die Belegschaft hat sich seit der Sanierung verdoppelt und das Programm bestimmt vervierfacht. Jetzt vermieten wir auch Räume an andere Veranstaltende, zum Beispiel an Faust, wenn die ihre Konzerte upgraden. Aber natürlich haben wir den Anspruch, den Löwenanteil des Programms selbst zu generieren.

Schwierig stelle ich mir jetzt den Übergang von Streaming zurück auf vollen Bühnenbetrieb vor. Wird das ein langsames „Hochfahren”?    
SMJ –  Ein paar Veranstaltungen stehen noch auf Warteposition. Wir hatten hier das „Theater für Hannover”, wo wir kleineren Veranstaltenden wie Desimo oder dem Theater am Küchengarten unsere Räume zur Verfügung stellten, weil in unserem großen Saal ein Hygienekonzept für 200 Leute umsetzbar ist. Das geht dank der Corona-Förderung des Bundes, über die wir unsere Infrastruktur finanzieren. Ab Herbst können wir hoffentlich vieles realisieren, was verschoben wurde. Sobald es wieder erlaubt ist, im Innenraum zu veranstalten, werden die Räume sich allein durch Vermietungen schnell wieder füllen. Zum Übergang: Bei Theater geht das recht problemlos, kurzfristig vom Stream auf Live umzustellen. Bei Konzerten hängen oft Tourneen daran, da ist es komplizierter.
Ebenso die Gastronomie bei uns im Haus, das Café Mezzo, die unsere Pächter sind, kann nicht von heute auf morgen öffnen. Die planen jetzt, den Außenbereich nach Pfingsten zu öffnen. Wie ist es denn im KlubNetz?
DL – Ich freue mich zu hören, dass ihr da kurzfristige Perspektiven habt. Die Situation unserer Mitglieder ist aktuell desaströs. Die Festivals zum Beispiel, deren Planungsvorlauf normalerweise ein halbes bis ein Jahr beträgt, stehen komplett im Regen. Die können nicht kurzfristig auf einen Inzidenzwert reagieren und zwei Wochen später loslegen, das geht einfach nicht. Bei den Klubs ist einfach die wirtschaftliche Grenze erreicht. Und wenn wir für Öffnungen über Zahlen wie „pro zehn Quadratmeter eine Person” sprechen, dann müsste diese Person für 200 Euro konsumieren, damit es rentabel ist, die Tür überhaupt aufzumachen. Und ein Riesenproblem ist jetzt das Personal. Ganz viele der 450 Euro-Kräfte mussten sich inzwischen umorientieren, und die werden fehlen.
SMJ – Werden viele Klubs verschwinden?
DL – Aktuell hängen sie am Tropf der staatlichen Förderungen, die aber noch greifen. Richtig schwierig wird der Moment, wenn dieser Tropf versiegt. Werden die erlaubten Kapazitäten für einen wirtschaftlichen Betrieb reichen? Haben die Menschen es vielleicht verlernt und gehen gar nicht mehr aus?
SMJ – Ich war gerade in einer Stream-Konferenz der UNESCO City of Music, wo Leute aus Australien und Neuseeland zugeschaltet waren. Die haben berichtet, dass ihnen verfügbare Tickets aus der Hand gerissen wurden. Sie hatten einen regelrechten Boom.
DL – Das berichten uns die großen Veranstaltenden auch. Ich fürchte eher um die subkulturelle Szene. Dort wächst durch gemeinsame Formate und Veranstaltungen gemeinsam mit dem Publikum immer wieder eine neue Generation heran. Da sind viele Kontakte verloren gegangen, so etwas kann man nicht durch Streamings auffangen.

Siehst du diese Entwicklung auch in deinem Job als Dozent für Veranstaltungsmanagement?   
DL – Die Zahl der Bewerbungen für den Studiengang ist rapide runtergegangen. Was mich aber noch mehr bewegt, ist, dass die Studierenden, die bereits dabei waren, mit der Situation so allein gelassen wurden. Ihre Jobs in der Gastronomie zum Beispiel waren von heute auf morgen weg, Praktikumsplätze standen nicht mehr zur Verfügung und die Studierenden müssen das jetzt alles irgendwie aufholen.
SMJ – Wir haben normalerweise über 100 Bewerbungen für unsere Ausbildungen für Veranstaltungskaufleute. Dieses Jahr hatten wir 30. Eine deutliche Tendenz, dass sich viele von einer Ausbildung im kulturellen Bereich nicht mehr viel versprechen.  Für die Veranstaltungstechnik oder fürs Bundesfreiwilligenjahr hatten wir gleichfalls deutlich weniger Anfragen.

Ist die zukünftige Einstufung von Klubs als Kulturorte, die gerade politisch durchgesetzt wird, ein kleiner Lichtblick?
DL – Das ist ein Meilenstein! Das bedeutet, dass in städtebaulichen Konzepten die Verdrängungsprozesse von Klubs durch Gentrifizierung und „Aufwertung von Flächen” so nicht mehr stattfinden können. Zuvor muss unsere Landespolitik dies aber auch in das niedersächsische Baurecht überführen. Hier kann man direkt weiterdenken, Stichwort: Verödung der Innenstädte. Was passiert mit den ungenutzten Einkaufsmeilen?

Womit sich der Kreis schließt zum Pavillon, der ja auch mal ein Kaufhaus war.
SMJ – Ja! Ich habe gerade am neu gegründeten Innenstadt-Beirat teilgenommen, wo genau diese Fragen diskutiert werden. Die Innenstädte können nicht weiter als reine Konsum-Orte definiert werden, sondern vielmehr als Orte zum Leben, zum Arbeiten und als Orte der Kultur. In der zweiten Jahreshälfte wird es ein Modellprojekt geben, in dessen Rahmen die Innenstadt bespielt wird. Das wäre eine interessante Transformation. Wir sind am Rand der Innenstadt und könnten uns zum Beispiel gut vorstellen, dass die Raschplatz-Hochstraße eine „Green Line” ohne Autoverkehr wird. Die Verkehrswende, ein Thema, dass von Belit Onay sehr vorangetrieben wird, kann damit Hand in Hand gehen. Wir möchten uns als Plattform der gesellschaftlichen Diskussion hier beteiligen.
DL – Das ist auch für das KlubNetz ein großes Thema. Wir kommen, offen gesagt, als ehrenamtlich getragener Verband gerade an den Rand unserer Leistungsfähigkeit und sind froh, dass unser Bundesverband Livekomm uns mit politischer Arbeit zur Seite steht.

Hat die Pandemie zu diesem Prozess beigetragen?
DL – Ja. Auf jeden Fall hat sie dazu beigetragen, dass Kulturschaffende jetzt eher gemeinsame Interessen sehen als den Wettbewerb. Die Kultur- und Kreativwirtschaft hat sich in dieser Zeit gut vernetzt, auch auf Landesebene. Das lag natürlich auch daran, dass seitens der Politik dringend kompetente AnsprechpartnerInnen gesucht wurden.

Und die wirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltungsbranche war vorher eher kein Thema.  
DL – In vielen Köpfen nicht. Diese Branche hat eben neben der wirtschaftlichen eine große gesellschaftliche Bedeutung. Dass Räume da sind für Menschen, um zu interagieren und sich live zu treffen. Und dass das so viel mehr ist als der reine Konsum von Kunst. Wie viele Beziehungen sind aufgrund von Veranstaltungen entstanden? Wie viele Kooperationen wurden gestartet, weil man auf ein Getränk zusammensitzt und merkt, dass man gemeinsame Ideen hat? Das alles kann man nicht digital substituieren.
SMJ – Kultur als Begegnungsort! In ein Haus zu kommen und zu gucken, wer auch noch da ist. Diese Atmosphäre, wenn wildfremde Leute zusammenkommen und an diesem Abend ein Interesse, eine Vorliebe teilen. Das ist ein Lebenselixier. Das ganze Drumherum ist oft genauso inspirierend wie die Veranstaltung selbst! Darauf freue ich mich schon sehr.
Ich habe neulich schon gesagt, all diesen Mehrwert, den wir durch die Pandemie generiert haben, die tolle EDV-Ausstattung, die Möglichkeit, im Homeoffice zu arbeiten, was wir ja in Zukunft sicher weiterhin tun werden … Wir hatten Zeit, an unseren Strukturen zu arbeiten und haben da vieles verbessert. Aber ich würde gern auf all das verzichten, wenn es die Pandemie nicht gegeben hätte.
DL – Was mich auch bekümmert, ist die Frage, welche Folge die Auszahlung der ganzen Fördermittel noch haben werden: Wie stehen wir in fünf Jahren da? Wird irgendwann eine Quittung kommen? Allen ist die gesellschaftliche Bedeutung von Kultur während der Pandemie klar geworden, wie sichern wir sie für die Zukunft?
SMJ – Der Freundeskreis könnte hier einen wertvollen Beitrag leisten, gemeinsam die Erfahrung der Pandemie zu verarbeiten. Angebote schaffen, gemeinsam Kulturorte zu besuchen und der Gefahr begegnen, dass manche Menschen vielleicht wirklich verlernt haben auszugehen. Gerade Ältere haben jetzt möglicherweise eine Hemmschwelle.
DL – Da schließe ich mich an! Gerade der Freundeskreis hat die Möglichkeit, Leute zusammenzubringen, die sonst nichts miteinander zu tun hätten. Und solche Angebote können auch schon jetzt Pandemie-konform funktionieren.

  ● Annika Bachem 

Foto David Lampe: Dimi Anastassakis, Foto Susanne Müller-Jantsch: Thomas Langreder

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